Bei einem Nachmittagskaffee fällt eine seltsame Substanz herab, die Aurora, ihre Freundin Plim und Hektor in eine fremde Gegend bringt. In dieser neuen Umgebung müssen sie sich behaupten, was sie auch mit wachsender Energie, Einsatz, Durchsetzungsvermögen und sogar Gewaltbereitschaft tun, bis sich Aurora bedroht sieht.
Da denkt man, dass man einen Comic mit einer schönen Handlung liest und stellt schon nach den ersten paar Seiten fest, dass man sich gewaltig getäuscht hat. Denn „schön“ ist hier nur die sonnendurchflutete Umgebung, in die es Aurora und Plim verschlägt. Sie bildet auch den Kontrast zur Handlung, die eindeutig von der wachsenden Gewaltbereitschaft der Charaktere des vorliegenden Bandes bestimmt wird. Dabei dreht sich die Gewaltspirale immer schneller und die Handlungen der Charaktere fallen auch immer heftiger aus. Es beginnt mit einem Käfer, den Aurora umtritt und endet mit eiskalt geplantem, mehrfachem Mord des Charakters, der sich noch weitgehend seine Menschlichkeit bewahrte, nämlich Aurora.
Ein weiterer Charakter wird bei lebendigem Leib beerdigt, weil er nur ein Auge hat und deshalb, „wie ein Monster aussieht“. Des Weiteren sind eigentlich sämtliche Charaktere mit Ausnahme von Aurora auf den eigenen Vorteil aus.
So unterhält dieser Comic nicht im traditionellen Sinne. Er rüttelt seine Leser auf und verstört sie, was auch daran liegt, dass für die sich immer schneller drehende Gewaltspirale, die natürlich eine Gesellschaftskritik darstellt, auch überhaupt keine Erklärung gegeben wird. Hier haben keine Außerirdischen einige Charaktere übernommen oder werden von einem machtbesessenen Despoten gegeneinander ausgespielt. Nein, die Grausamkeiten werden aus Spaß an Gewalt und zum eigenen Vorteil begangen, so dass die Gewalttätigkeiten einen nahezu parodistischen Charakter gewinnen, da auch die Beweggründe kaum niedriger sein könnten. Spontan fühlte ich mich beim Lesen dieser empfehlenswerten Graphic Novel an William Goldings Meisterwerk Herr der Fliegen erinnert.
Der Verlag Reprodukt hat mit der Auswahl dieses Titels jedenfalls ein feines Näschen bewiesen.
Ein Regisseur erfährt bei einem Arztbesuch, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist und nur noch wenige Monate zu leben hat. In Ihm entsteht die Idee zu einem Film, den er nicht mehr drehen können wird. Dennoch beschließt er, das Drehbuch zu schreiben, das er kurz vor seinem Tod noch vollenden kann.
Signal to Noise ist eigentlich ein Begriff aus der Physik und definiert das Verhältnis der Botschaft zu Hintergrundgeräuschen. Solche störende Hintergrundgeräusche kennt der eine oder andere vielleicht noch daher, wenn man ein altes Radio auf den gewünschten Sender einstellt. Je deutlicher das Signal ist, desto weniger störend ist folglich das Hintergrundgeräusch. Diese These findet auch im übertragenen Sinn Anwendung bei der Filterung von Informationen aus Daten. Gerade heutzutage sind wir von so vielen Geräuschen (Datenüberfluss) umgeben, dass es immer schwieriger wird, die eigentliche Botschaft, das Signal zu erkennen.
Auch in Gaimans vorliegender Graphic Novel, die zunächst als Fortsetzungsgeschichte 1989 im Magazin The Face erschienen ist, geht es darum eine Idee, die in der Phantasie des Autoren entstanden ist, so niederzuschreiben und folglich auch einem Publikum zu präsentieren, wie es der Autor auch tatsächlich beabsichtigt. Um dies zu realisieren, muss er alle Nebengeräusche ausblenden. Hierzu zählen seine besorgte Produzentin und seine Ärztin. Einen Kontrast hierzu bietet sein Nachbar, der ihm unbeabsichtigt hilft, eine Passage seines Drehbuchs besonders gut zu schreiben.
Im fortlaufenden Stadium seiner Krankheit zeigt der Regisseur, dass er die Hintergrundgeräusche immer besser ausblenden und so die Story noch vor seinem Tod zu Ende bringen kann. Zweifellos steht dies für die Unbeugsamkeit des menschlichen Geistes.
Die Story selbst bietet keine Unterhaltung im klassischen Sinne. Sie provoziert und ärgert seine Leser, aber Gaiman bietet auch nicht an einer einzigen Stelle einen Ausweg an und lässt so keinen Zweifel daran, dass sein Held auch wirklich einen bitteren Tod sterben wird.
Das Drehbuch selbst handelt von Dorfbewohnern, die am 31. Dezember 999 auf den Weltuntergang und nicht das Jahr 1000 warten. Als der sichergeglaubte Weltuntergang nicht eintritt, werden sie mit ihren Leben, mit ihren Alltagssorgen, Ängsten und Nöten zurückgelassen und müssen das tun, was Menschen immer tun – nämlich weitermachen und dies mal weniger gut, mal weniger schlecht.
Diese Story wird allerdings erst zu etwas Besonderem aufgrund des erstaunlichen Artworks von Dave McKean, das eine Mischung aus Bleistiftzeichnungen, Fotografie, Pinselzeichnungen und Computergrafik ist und auf beeindruckende Art und Weise die melancholische Botschaft von Verlust und Bedauern zum Leser transportiert. Zum Glück für den Leser hat Panini diese Story im Album Format veröffentlicht. Nur so kommt dieses phänomenale Artwork zur Geltung. Gaiman unterstreicht mit Signal to Noise, dass er der Poet unter den Comicautoren ist.
Für das Theater wurde Gaimans Graphic Novel 1999 adaptiert. Darüber hinaus wurde sie auch als Hörspiel umgesetzt.
Signal to Noise, Panini Comics, 96 Seiten, HC, 19,95 €
Ein Pilot muss mit seinem Flugzeug in der Wüste notlanden. Da sein Wasservorrat knapp bemessen ist, hat der Pilot einen gewissen Zeitdruck, seine Maschine zu reparieren. Nachdem er eingeschlafen ist, wird er von einer Stimme geweckt. Es handelt sich um einen Jungen, der sich als Prinz vorstellt und er ebenso auf der Erde gelandet ist. Er stammt von einem Asteroiden, er so klein ist, dass sie ihn auf einer Sternenkarte kaum ausfindig machen können.
Der Prinz hatte seinen Asteroiden vor Liebeskummer wegen einer Rose verlassen. Auf seiner Reise durchs All begegnete er einem König, der einsam auf einem Planeten regierte, einem eingebildeten Menschen, der den Applaus des kleinen Prinzen begehrte, einem Trinker, der trank, weil er sich schämte, dass er trank, einen Nachtwächter, der nach einer Vorschrift das Feuer seiner Laterne entfachte oder löschte und einen Geografen, der eine Karte der Sterne zeichnete und der dem kleinen Prinzen die Erde empfahl.
Auf der Erde angekommen suchte der kleine Prinz in der unbewohnten Wüste lange nach Menschen, bevor er den Piloten fand. Dabei traf er zunächst auf eine Schlange, Rosen am Wegesrand, was ihm zunächst verdeutlichte, dass die Rose auf seinem Asteroiden nicht einzigartig ist und einem Fuchs, der ihm beibrachte, ihn zu zähmen.
Der Pilot und der kleine Prinz freunden sich immer mehr an. Gemeinsam finden sie einen Brunnen, dessen Wasser dem Piloten das Überleben ermöglicht.
Der Pilot warnt den kleinen Prinzen vor der Schlange und ihrem Gift, aber der kleine Prinz weiß, dass er sie aufsuchen muss, um sich seines zu scheren Körpers zu entledigen, um dann nach Hause zurückkehren zu können.
Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupèry ist ohne Frage ein Stück Weltliteratur, so dass man als Leser gespannt und vielleicht auch ein wenig skeptisch sein darf, ob es Joann Sfar gelingt, den Charme dieser Erzählung in das Medium Comic zu transportieren. Doch schon nach den ersten Seiten erkennt man rasch, dass Sfar dies gelungen ist.
Natürlich hat er die Erzählung für seinen Comic ein wenig gekürzt. So ist besonders die Reise des kleinen Prinzen durch das All etwas kürzer ausgefallen als das dies im Original der Fall ist. Dabei geht Sfar aber zielsicher auf die wesentlichen Stationen der Reise ein, die die Handlungen der Erwachsenen Kritisieren. So regiert der König um des Regierens Willen, der Trinker bewegt sich in einer ewigen Schleife aus Scham und Alkohol und der Geograf skizziert Karten, aber wartet gleichzeitig auf Beweise, die man ihm vorzulegen hat. Nur der Nachtwächter, der eine nicht mehr einschlägige Vorschrift beachtet, ist dem kleinen Prinzen sympathisch, denn er ist der einzige, dessen Handeln kein Selbstzweck ist.
Fehlen darf natürlich auch nicht die zentrale Aussage der Erzählung:“ Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar.“
Auf der Suche nach dem Wesentlichen befindet sich der kleine Prinz und erst nach dieser Lektion erkennt er, warum seine Rose auf seinem Asteroiden eben doch einzigartig ist. Sie wurde von ihm gegossen.
Sfar bleibt eng am Original und zeigt nicht, wie die Schlange den kleinen Prinzen beißt und so tötet.
Es ist und bleibt umstritten, ob Antoine de Saint-Exupèry, der 1944 von der Insel Korsika startete und von diesem Flug nicht mehr zurückkehrte, so seinen eigenen Selbstmord ankündigte oder ob sein letzter Flug mit einem Unfall endete. Unabhängig hiervon gilt der kleine Prinz als seine persönlichste Erzählung, denn wie auch seinem Helden war es de Saint-Exupèry aus Selbstzweck zu handeln. Der Dienst am Menschen war ihm immer wichtig.
Und genau das stellt Sfar mit seiner Comic Adaption deutlich heraus. Die Zeichnungen wirken ein wenig kindlich naiv, was aber der Sichtweise des kleinen Prinzen angepasst ist und wohl auch der einzig denkbare Stil ist, um den kleinen Prinzen für die Neunte Kunst zu adaptieren.
Völlig zu recht deklariert Carlsen diesen Comic als Graphic Novel. Leider vermisst man als Leser ein Kurzportrait über Sfar, den der eine oder andere Sammler vielleicht von seiner Zusammenarbeit mit Lewis Trondheim bei Donjon kennt, oder gar Antoine de Saint-Exupèry.
Unabhängig hiervon habe ich nach dem Lesen des Comics nach langer Zeit mal wieder meine Taschenbuchausgabe vom kleinen Prinzen herausgesucht. Ein größeres Kompliment kann ich Joann Sfar kaum machen.
Der kleine Prinz, Carlsen, 110 Seiten, HC, € 14,90
In einem totalitären System sitzt Mari in einer Gefängniszelle. Sie erfährt, dass sie am nächsten Tag hingerichtet werden soll. Sie erinnert sich an ihren Freund Juri und an die Zeit, bevor das Oberste Gremium die Macht ergriffen hat und das Leben noch leicht und unbeschwert war.
Als Juris Onkel, der verbotene Musik unter die Leute gebracht hat, vom Obersten Gremium verschleppt wird und Mari ein Graffiti sieht, wird in ihr endgültig die Idee zum Widerstand geweckt. Sie verfasst Schriften, die den Slogan des Graffiti „Was wäre, wenn..“ aufgreift und zum Titel hat. Mari gelingt es, Kontakt zum Widerstand aufzubauen und ihre Schriften sogar in der Lexikothek zu verteilen.
Doch der Geheimdienst des Obersten Gremiums verrichtet seine Arbeit. Die Widerstandsgruppe und Mari werden verhaftet.
Als ein Priester zu ihr kommt, bleibt Mari entschlossen und bittet nicht um Vergebung. Sie ist nun entschlossen, dem Tod ins Auge zu sehen. Die endgültige geistige Freiheit erlangt sie, als sie einen kleinen roten Vogel sieht.
In regelmäßig unregelmäßigen Abständen veröffentlicht der Zwerchfell Verlag Comics, die die Leserschaft immer wieder auf unterschiedliche Art und Weise ansprechen.
Der vorliegende Band handelt von einer jungen Frau, Mari, die in einem unantastbaren, unüberwindlichen totalitären System lebt. Nachdem ihr Onkel von Agenten des Systems verhaftet und verschleppt wurde, sucht sie den Widerstand, um sich ihm anzuschließen. Neben dem traumatischen Erlebnis des verschwundenen Onkels machen Mischitz und Bünte diese Charakterentwicklung an einer Zufälligkeit fest, die Mari erlebt. Sie sieht ein Graffiti des Widerstands, der ihre kreative Ader anspricht. Nicht nur an dieser Stelle versteht es Veronika Mischitz ihrer Heldin eine besondere Mimik zu verleihen. Gerade diese Momente lassen den Leser immer wieder etwas länger an und in den Panels verweilen. Hinzu kommt auch die Körpersprache der Heldin, mit der ihre Gefühle wie Mut, Wut, Liebe, Verzweiflung, aber auch Entschlossenheit zum Leser transportiert werden.
Maris Umwelt definiert sich aus der Mitte zwischen 1984, Schöne neue Welt oder auch V wie Vendetta. Bünte bedient sich einzelner Elemente dieser Werke und hat sie für seine Kurzgeschichte neu zusammengesetzt, die wiederum von Veronika Mischitz mit großer Sensibilität für die Neunte Kunst umgesetzt wurden.
So bleiben die Agenten des Kollektivs immer anonym und sind weder für die Leser noch für Mari erkennbar. Beklemmend ist darüber hinaus, dass man weder als Leser noch Mari erfährt, wie sie überhaupt verraten wurde oder gar durch wen. Auch hier sind in den entscheidenden Panels keine Gesichter zu sehen, was die Allgegenwart des Kollektivs und ihrer Agenten erahnen lässt.
Christopher Bünte hat die Vorlage für diesen Comic im Rahmen eines Schreibwettbewerbs mit dem Thema „Zeichen“ erdacht und geschrieben. So findet man als Leser Zeichen oder Symbole mal mehr, mal weniger offensichtlich im vorliegenden Comic. Im schwarz-weiß gehaltenen Artwork hebt sich am Ende der Story der kleine rote Vogel deutlich ab. Er symbolisiert nicht zuletzt Maris geistige Freiheit, die das Regime, das interessanterweise auch Kirche und Politik wie in einer Diktatur oder auch im Feudalsystem nicht unüblich verbindet, nie einschränken konnte. Auch ihre Liebe zu Juri nimmt eine zentrale Position ein, so dass Freiheit und Liebe auch von einem noch so perfekten und totalitären System nicht dauerhaft eingeschränkt werden kann.
Der vorliegende Band weist viel Talent am Bleistift und im Erzählen einer Geschichte auf. Ich halte den kleinen Vogel rot für absolut preisverdächtig.
Zwerchfell hat den Comic als Hardcover in einer ansprechenden Optik mit ansprechendem Zusatzmaterial veröffentlicht. Genauso präsentiert man heutzutage einen Comic auf dem deutschen Markt.
Markus erzählt in einer trinkseeligen Runde mit Freunden über seine erste große, unerfüllte Liebe aus der Kindheit, für die er sogar regelmäßig in die Kirche ging und noch mehr auf sich nahm, nur um sie zu sehen.
Für seine nächste Liebe als Jugendlicher nahm er sogar an einem Origamikurs teil und engagierte Katharina als Verkupplerin, die für ihn herausfand, wann sie Geburtstag hat. Doch auch die überreichten Blumen öffneten nicht ihr Herz. Sie schlug ihm lediglich vor, dass sie ja Freunde bleiben könnten.
Seine dritte Liebe lernte Markus am Ende einer Fahrradtour beim Camping kennen. Am letzten Abend fanden sie endlich Zeit für sich allein und zogen sich in ihr Zelt zurück. Während Markus noch darüber nachdachte, ob und wie er „zur Sache kommen“ sollte, langweilte sich das Mädchen und verließ genervt das Zelt.
Als Student verbrachte er seine Semesterferien in einem verlassenen Plattenbau. Dort trafen sich Studenten aus vielen Ländern. Markus lernte eine Spanierin kennen, in die er sich verliebte und mit der er im Laufe des Sommers viel Zeit verbrachte. Dabei hatten sie viel Spaß miteinander und ein Freund machte ihn darauf aufmerksam, wie nahe sie sich doch gekommen waren und dass sie sich trotz sprachlicher Barrieren doch bestens verstanden. Auf der großen Abschlussparty kamen sie sich näher, aber nicht so nah, wie es Markus gerne gehabt hätte. Schließlich erklärte ihm die Spanierin im gebrochenen Englisch, dass sie ihn zwar mochte, aber nichts von ihm wollte.
Mit der vorliegenden Story erzählt Mawil von dem glücklosen Markus, der es einfach nicht versteht, bei den Mädchen zu landen. Dabei geht der Autor auf vier Stadien vom kleinen Jungen bis hin zum Studenten ein. Herrlich schildert er dabei den inneren Zwist seines Protagonisten, der seinem jeweiligen Schwarm nah sein möchte, was ihm auch durchweg gelingt, ohne jedoch je zum Ziel zu gelangen. Was immer er auch beginnt, kann er nicht zum passenden Ende bringen.
Die Gründe hierfür sind immer ein wenig unterschiedlich und haben doch eine Gemeinsamkeit. Die Mädchen, in die er sich verliebt hat, wollen einfach nichts von ihm, außer Freunde bleiben. Dabei variieren die Gründe für seine gescheiterten Versuche immer ein wenig und insbesondere bei dem Mädchen, das er beim Camping kennenlernt. Sie war ja durchaus interessiert, bis sie zu dem Schluss kommen musste, dass Markus einfach nicht den ersten Schritt unternimmt. Dabei bereitet gerade die unterschiedliche Wahrnehmung der Szene im Zelt von Markus und dem Mädchen höchstes Lesevergnügen.
Konsequent wächst mit den gescheiterten Versuchen auch der Liebeskummer des Helden, den es als Student natürlich vor Liebeskummer sogar ins Bett verschlägt.
Mawil bedient sich in seiner Erzählung einer Rahmenstory, in der in einer feucht fröhlichen Runde Markus sein gescheitertes Werben, das dann jeweils als Flashback erzählt wird, zum Besten geben muss.
So lebt die Handlung nicht nur von den vielen witzigen und skurrilen Momenten, die Mawil seinen Held er- und durchleben lässt, sondern auch von den spritzigen Dialogen, die aus dem wahren Leben gegriffen sind. Dabei werden diese Dialoge teilweise nicht zum Ende geführt oder eine Figur kommt auch mal nicht zu Wort. Auch solche Situationen kann man mühelos im Alltag erleben und beobachten.
Die abgeschlossene Erzählung, die mit ihren ganz speziellen Dialogen und dem konsequent nicht eintretenden Happy End eigene Maßstäbe setzt, ist als Graphic Novel zu bezeichnen, die in keiner gut sortierten Sammlung fehlen sollte.
Wir können doch Freunde bleiben, Reprodukt, 65 Seiten, SC, 10 €
Polizisten finden eine junge Frau ermordet vor. Auf ihrer Schulter finden sie ein Tattoo vor, das ein „X“ darstellt. Sie identifizieren die Frau als Jean Grey, ein Mitglied der X-Men. Diese X-Men gelten als Kriminelle und die Polizisten machen keinen Hehl daraus, dass sie keine Lust verspüren, den Fall zu lösen.
Die X-Men wurden von Professor Xavier ausgebildet, der Psychiater ist und wegen Verbrechen in Ryker’s einsitzt, die man ihm erst noch nachweisen muss. Dort erhält Professor Xavier Besuch von Tom Halloway, einem Journalisten des Daily Bugle. Der Journalist versucht in diesem Fall zu recherchieren, da die Polizei nichts unternimmt. Professor Xavier gibt ihm einen versteckten Hinweis. Er soll Marie Rankin suchen.
Ein Mann, der sich selbst Angel nennt, findet die X-Men, die hiervon nicht begeistert sind.
Warren Worthington ist gestorben. Er hat Selbstmord verübt.
Chef der New Yorker Mordkommission ist Eric Magnus, der aber selbst bestechlich ist und für die Bruderschaft arbeitet, die heimlich New York regiert.
Sowohl die X-Men als auch die Bruderschaft suchen Marie Rankin, die Als Schlüssel im Machtkampf um New York gilt und jede Rolle in Sekundenschnelle annehmen kann.
Unterdessen findet Scott Käpt’n Logan, der als Mörder von Jean Grey gilt.
Logan sieht im Kampf gegen Scott schlecht aus, aber Angel hilft ihm, denn er glaubt an Logans Unschuld.
Peter Magnus, ein junger Polizist tötet Remy Le Beau, den Eigentümer des Spielcasinos. Er hat seine Schwester, Wanda, die Spielschulden bei ihm hat.
Eric Magnus ist wütend und besucht seinen Sohn im Gefängnis. Er sorgt dafür, dass er auf Kaution frei kommt und erteilt ihm gleichzeitig den Auftrag, Unus, den Unbestechlichen, der einen Zeppelin Flug gebucht hat, zu töten. Dieser Zeppelin explodiert unmittelbar nach dem Start.
Polizisten stürmen das Quartier von Peter Magnus und erschießen ihn. Eric Magnus fährt zum Hellfire Club und erschießt Sebastian Shaw, der ebenfalls in die Machtspiele um die Vorherrschaft in New York verstrickt ist. Im Hellfire Club kommt es auch zur Begegnung mit Jean Greys Mörder.
Fazit: Mit dem vorliegenden Band legt Fred van Lente eine Crime Noir Story im klassischen Stil vor. Obwohl man als Leser der X-Men des 616 Universums die Charaktere kennt, ist es nicht einfach, die Charaktere, die in der Story abrupt eingeführt kennen, zuzuordnen, da sie im Noir Universum doch neue Rollen einnehmen. So sind beispielsweise Eric Magnus Chef der New Yorker Mordkommission und Remy Le Beau kein Dieb, sondern Eigentümer eines Spielcasinos.
Wie es sich für eine klassische Crime Noir Story gehört, enthüllt sich erst nach und nach, wer wirklich auf welcher Seite steht und was ihn zu seinen Handlungen motiviert. Van Lente eröffnet hierfür reichlich viele Nebenplots, die erst im letzten Teil bei der Begegnung von Eric Magnus mit dem Mörder Jean Greys zusammengeführt werden. Der eine oder andere Handlungsstrang bleibt sogar offen. Offensichtlich setzt und hofft van Lente auf eine Fortsetzung seines Crime Noir um die X-Men, die fast ein bisschen zu kurz kommen.
Wer der Mörder Jean Greys ist und somit auch hinter den Kulissen beide Seiten gegeneinander ausspielt, möchte ich an dieser Stelle nicht verraten, denn der Kauf des Bandes kann auch aufgrund des Artworks von Calero, der sich mit seinem düsteren Stil dem Charakter der Story hervorragend anpasst, nur empfohlen werden.
Das Noir Universum ist und bleibt der unverkennbare Versuch Marvels, erwachsene Leser anzusprechen und so ein Gegenpol zum DC Label Vertigo zu bilden.
Marvel Noir: X-Men, 124 Seiten, SC mit Faltcover, 14,95 €
Handlung: Polizisten stürmen den Daily Bugle und finden J. Jonah Jameson erschossen vor. Über ihm kniet Spider-Man, der von da an als sein Mörder gilt.
Ben Urich erinnert sich, wie er Peter Parker kennen lernte. May Parker, deren Mann Ben kurz zuvor ermordet wurde, hielt eine Rede, die sich gegen die politischen Verhältnisse richtete. Diese Rede wurde von den Vollstreckern unsanft abgebrochen. Ben Urich verhinderte Schlimmeres, indem er die Vollstrecker darauf aufmerksam machte, dass er über den Vorfall berichten würde.
Ben Urich holte Peter Parker später ab. Sie besuchten einen Nachtclub, der von Felicia Hardy geleitet wurde. Als Norman Osborn, der Kobold, mit den Vollstreckern auftauchte, verließen sie den Club.
Was Ben Urich erst später herausfinden sollte, ist, dass Peter Parker seinen ermordeten Onkel vorfand und dass er brutal zerfetzt wurde.
Ben Urich engagierte Peter Parker als Assistenten, der für ihn fotografierte. So fand Peter Parker heraus, dass sich die Männer des Kobolds unter der Menge befanden, die bei einem Hausbrand zusahen. Für Peter Parker war klar, dass es sich um die Brandstifter handeln musste. Dann erhielt Peter Parker einen Anruf. Der Kobold sollte eine geheime Lieferung erhalten. Peter Parker beobachtete das Geschehen und wurde dabei von einer seltsamen Spinne gebissen. Anschließend verfügte er über Superkräfte. Leider musste er auch beobachten, wie Ben Urich Geld von Norman Osborn erhielt, damit er nicht über seine Verbrechen berichtete, nachdem Peter Parker mit einer Maske verkleidet Norman Osborn aufforderte, seine Verbrechen zu beenden.
Doch Ben Urich wollte sein Leben ändern und kein Geld mehr von Norman Osborn annehmen. Wenig später wurde er ermordet, während sich Peter Parker sein Spider-Man Kostüm nähte.
Norman Osborn ist unzufrieden, weil J. Jonah Jameson nicht die Akten Ben Urichs über ihn finden konnte. Er denkt nach, wem Ben Urich so sehr vertrauen könnte, dass er ihm diese Akten anvertrauen würde.
Peter Parker wird zu Felicia Hardy gerufen. Sie verfügt über diese geheimen Akten. Sie fordert ihn auf, die Akten zu nutzen, aber keinesfalls dem Daily Bugle zu übergeben. Peter Parker ist wegen Ben Urichs Verhalten nach wie vor enttäuscht, aber Tante May erinnert ihn daran, dass er sich ihm gegenüber immer korrekt verhalten hat.
Norman Osborn will Peter in eine Falle locken und setzt den Geier auf Tante May an.
Spider-Man kommt gerade noch rechtzeitig an, um zu verhindern, dass Tante May vom Geier getötet wird. Norman Osborn lässt Felicia Hardy zu sich holen.
Dort kommt auch Spider-Man an, so dass es im Anwesen Osborns zu einem Showdown kommt.
Fazit: Mit Spider-Man: Noir legen Hine und Sapolsky eine Story mit vielen überraschenden Wendungen ganz im Stil der Crime Noir Klassiker vor.
Die Handlung ist konsequent in den 30er Jahren angesiedelt und auch im Stil der filmischen Vorbilder zumindest teilweise als Flashback, einem gängigen Stilmittel im Crime Noir Genre, erzählt. Überraschend ist hierbei höchstens, dass mit Ben Urich der Charakter ziemlich früh ums Leben kommt, aus dessen Sicht ein Großteil der Handlung erzählt wird. Überhaupt nutzt Hine den kreativen Freiraum des „Noir-Universums“ und geht nicht gerade kleinlich mit dem Tod um. Spider-Man verfügt zwar über Superkräfte, aber er scheit sich nicht, auch eine Waffe einzusetzen, so dass es sich auch insgesamt mehr um einen Krimi als um eine herkömmliche Superheldenstory handelt. Und genau das macht auch den Reiz des vorliegenden Bandes aus. Hine und Sapolsky nutzen hierbei mit Tante May, Peter Parker, Ben Urich, Norman Osborn oder auch Felicia Hardy Charaktere, die man als Leser des 616 Universums längst kennt. Dennoch erfinden die Autoren die Charaktere für ihre Story neu. Ben Urich ist korrupt, Peter Parker jähzornig, Felicia Hardy verrucht und Tante May engagiert sich in der Politik. Dieses neue Konstrukt wirkt ungemein erfrischend und funktioniert bestens.
Ganz bewusst habe ich die eine oder andere Wendung in der Handlung bei meiner Zusammenfassung ausgelassen, um dem Leser nicht das Vergnügen zu nehmen, das ich beim Lesen dieser Story hatte.
Das Noir Universum ist der deutliche Versuch Marvels erwachsene Leser anzusprechen, um so einen Gegenpol zum Vertigo Label von DC zu etablieren.
Auch die Macher Marvels scheinen vom Erfolg dieser Serie überzeugt, denn in den USA wurde eine Fortsetzung gestartet, während Panini die Veröffentlichung der übrigen Noir Stories um die X-Men, Daredevil und Punisher angekündigt hat.
Spider-Man: Noir, Panini, 108 Seiten (SC mit Faltcover), € 14,95
Mit „Insekt“ hat Sascha Hommer 2006 ein eindrucksvolles Debüt vorgelegt.
Handlung: Pascal und Dennis leben in einer Stadt, in der es aufgrund von erhöhten Produktionsaufkommens sehr viel dichten Rauch gibt. Pascal ist sehr beliebt in seiner Klasse und wird folglich zum Klassensprecher gewählt. Er interessiert sich für die Gegend außerhalb der Stadt, wo es keinen Rauch geben soll und die Insekten leben. Seine Mutter besucht dort regelmäßig ihre Schwester und nimmt ihn mit. Pascal ist überrascht, dass die Insekten tatsächlich leben und kein Märchen sind. Er freundet sich mit seinem Cousin an, er ihm einen Drachen schenkt.
Als er wieder zurückgekehrt ist, zeigt ihm ein Mädchen eine versteckte Höhle, an dessen Ende s ebenso keinen Rauch gibt. Als sie dort angekommen sind, erschrickt das Mädchen vor Pascals Aussehen, denn er ist ein Insekt. Nachdem sich dies in der Schule herumgesprochen hat, verändert sich Pascals Welt. Er ist plötzlich unbeliebt, wird als Klassensprecher abgewählt und von allen verstoßen und gehänselt. Schließlich wird er auch der Schule verwiesen, was die Eltern dazu bewegt, umziehen zu wollen.
Abends lässt Pascal seinen Drachen steigen. Dabei wird er von seinen ehemaligen Mitschülern überfallen. Sie fesseln ihn an einen Baum. Dort gesteht in einem unbeobachteten Moment ein Mädchen Pascal, dass sie ihn liebt. Pascal kann sich befreien und verlässt mit seiner Mutter vorläufig die Stadt. Bei seinem Cousin, Sven, kann er wieder unbeschwert leben und lernt sogar zu fliegen.
Fazit: Mit Insekt legt Sascha Hommer eine sehr symbolträchtige Story vor. So steht der Rauch, der in der Stadt das Leben bestimmt, für die Hektik, die Betriebsamkeit und alles Andere, was die Stadt ausmacht. Ohne Taschenlampe können sich die Menschen nicht oder kaum orientieren und können auch daher nur dem schmalen Lichtschein der Taschenlampe folgen. Der Blick links und rechts davon bleibt ihnen verwährt. Dieses Geschehen verdeckt der Rauch. So entsteht zwangsläufig eine gewisse Uniformität in einer beklemmenden Atmosphäre, der sich die Menschen nur allzu bereitwillig unterwerfen.
Pascal ist ein beliebter und akzeptierter Mitschüler, bis ein Mädchen erkennt, dass er ein Insekt, also andersartig, ist. Plötzlich verkehrt sich alles, was ihn ausgemacht hat, ins Gegenteil. Mitschüler und Schule verstoßen ihn. Er wird vertrieben, denn seine Andersartigkeit wird als eine Art Abartigkeit betrachtet. Dabei unterscheidet Hommer kaum zwischen Kindern, die ja bekanntlich grausam sein können, und Erwachsenen, für die die Schule steht. Sein Dasein als Insekt selbst steht für alles, womit Menschen ausgegrenzt werden können, sei es Religion, Sexualität oder Hautfarbe.
Erst bei seinem Cousin und seiner Tante fühlt sich Pascal wieder befreit. Dabei steht das Fliegen für seine neu gewonnene Unbekümmertheit und Freiheit.
Sein Cousin ist begeisterter Fan des Insektmannes, einer Art Superman der Insekten, der die Funktion eines Idols hat und somit für die Hoffnung steht.
Erstaunlich ist, wie es Hommer in seiner beachtlichen Erzählung gelingt, die kindliche Perspektive und die damit verbundene Naivität seines Helden mit einer klaren und zutreffenden Beobachtungsgabe zu verbinden. So stellt Insekt nicht nur einen beliebigen Comic dar, sondern eine Graphic Novel die seinen Lesern neben aller Unterhaltung auch den einen oder anderen Denkanstoß geben wird.
Handlung: Jean begeht seinen ersten Schultag. Seine Mitschüler kennt er nicht, da er an einem anderen Ort in den Kindergarten gegangen ist. Alain, einem Klassenkameraden, ergeht es ähnlich. Sie freunden sich an. Jean wird nervös, als er sich und den Beruf seiner Eltern vorstellen muss, aber er bewältigt diese Aufgabe. Nach der Schule wird Jean von Yvette an der Schule abgeholt. Es ist sein Kindermädchen und das seines jüngeren Bruders. Ihr Vater ist Chef einer Fabrik und kommt spät nah Hause. Beim Abendessen erinnert ihn Yvette an Jeans ersten Schultag. Das Mädchen aus der Nachbarschaft heißt Michele. Eigentlich dürfen sie nicht miteinander spielen. Sie tun es dennoch hin und wieder. Dabei liest Michele Jean eine Postkarte seiner Mutter aus Spanien vor. Jean verbringt einen Nachmittag bei Alain, der von seinen Eltern adoptiert wurde. Zu Jeans Überraschung sitzt Alains Vater in einem Rollstuhl und bemalt Zinnsoldaten. Alains Mutter kümmert sich um den Haushalt. In der Schule gilt Jean als Außenseiter, weil weder Fußball noch Murmel spielen seine Stärken sind. Außerdem darf er zuhause kein TV schauen und kann daher nicht in den Pausengesprächen mitreden. Jean und sein Bruder Paul besuchen ihre Großeltern. Dies tun sie äußerst ungern, weil ihre Großmutter eine schlechte Köchin ist und ihr Großvater Schweißfüße hat. Außerdem mögen sie die Freundinnen ihrer Großmutter nicht. Jean ist besorgt, als sie von ihrer Klassenlehrerin den Schulpsychologen vorgestellt bekommen. Er hat vor dem bärtigen Mann Angst. Seine Angst wächst, als er zu ihm in die Sprechstunde gerufen wird. Auch Paul hat Sehnsucht nach ihrer Mutter. Eines Nachts kann Jean nicht schlafen und beobachtet seinen Vater beim Fernsehen. Am nächsten Tag kann er in der Schule ausnahmsweise mitreden. Am Nachmittag liest ihm Michele eine weitere Postkarte seiner Mutter vor und wird dabei von ihrem Vater erwischt, der sie unsanft zurück ins Haus holt. Dabei vergisst sie die Postkarte, die Jean unter seinem Kopfkissen versteckt. Jean und Paul werden von ihrem Vater aufgefordert, ihre Wunschzettel zu schreiben. Die Brüder beschließen, den Weihnachtsmann zu fotografieren und lauern ihm auf. Als sie ihn fotografieren wollen, erschrecken sie vor dem Blitz so, dass sie die Augen schließen. Sie staunen, als dann ihr Vater vor ihnen steht. Natürlich ist das Polaroid Foto verwackelt. Lediglich die Schuhspitze ihres Vaters ist darauf zu sehen. Jean versteckt das Foto unter seinem Kopfkissen. Am nächsten Tag haben Michele und Jean Streit. Dabei sagt ihm Michele, dass seine Mutter tot ist und dass sie die Postkarten erfunden hat. Jean streitet das ab.
Fazit: Mit dem vorliegenden Band legen Regnaud und Bravo ein kleines, feines Meisterwerk vor. Die Autoren schildern einen typischen ersten Schultag eines Erstklässlers und dies mit allen Sorgen. Dies beginnt mit der Suche nach einem Freund und endet mit der Vorstellung des Berufs seiner Mutter, über die er eigentlich nichts weiß. Die Rolle der Mutter hat längst Yvette, das Kindermädchen, eingenommen. Jean mag sie, weil sie so gut kocht und es versteht, einen leckeren Kakao zuzubereiten. Dies sind natürlich Äußerlichkeiten, wie sie ein Junge in Jeans Alter angeben würde. Tatsächlich hat er Yvette längst als Mutter akzeptiert und sagt ihr dies auch in einem der vielen emotionalen Momente dieser Story. Früh dürfte der Leser erkennen, dass nicht mit einer Rückkehr von Jeans Mutter zu rechnen ist. Dabei ist es anfangs noch unklar, ob sie gestorben ist oder ihre Familie verlassen hat. Im Laufe der Handlung erkennt man als Leser aber rasch, dass sie verstorben ist, weil sie zumindest andeutungsweise von sämtlichen Nebencharakteren als äußerst positiv dargestellt wird und sowohl Jean als auch Paul immer wieder bedauert werden. Wunderbar gelungen ist auch die Schilderung der Besuche aus Sicht Jeans. Der unangenehmen Atmosphäre beim Besuch der eigenen Großeltern, die Jean an den mangelnden Kochkünsten der Großmutter und den Schweißfüßen des Großvaters sowie an den Freundinnen seiner Großmutter festmacht, steht der entspannte Besuch bei der Großmutter väterlicherseits gegenüber, bei der sie sogar fernsehen dürfen. Auch das harmonische Elternhaus seines Freundes Alain spielt eine nicht unwichtige Rolle, denn Jean lernt, dass sich ein Junge auch bei Adoptiveltern wohl fühlen kann. Eine zentrale Rolle nimmt der Abschnitt um den Schulpsychologen ein. Jean möchte ihm eigentlich nichts erzählen, aber er tut es im Gespräch und während des Rorschachtests dennoch und flüchtet sich schließlich während des Gesprächs über seine Mutter in eine abenteuerliche Geschichte. Bereits beim Vorlesen der ersten Postkarte wird klar, dass die Texte von Michele erfunden sind, denn ein Erwachsener würde sich nicht so ausdrücken. Erst im Streit zwischen den Kindern offenbart Michele Jean, dass sie die Postkarten erfunden hat. Typisch für Jean und sein vollkommen unterentwickeltes Verhältnis zu seinem Vater ist, dass er ihm nicht den wahren Grund für den Streit erzählt. Ebenso wagt es sein Vater offenbar nicht, seinen Söhnen zu sagen, dass ihre Mutter verstorben ist. Damit greifen Regnaud und Bravo bei aller erzählerischer Leichtigkeit ein heißes Eisen an. Ihnen gelingt es dabei, eine Comicerzählung mit Anspruch vorzulegen, so dass Carlsen völlig zu Recht diesen Comic als Graphic Novel auszeichnet.
Emile Bravo & Jean Regnaud: Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen, Carlsen Comics, 120 Seiten, HC, 17,90 €
YIU – Die Apokalypse, eine 7-teilige SF-Serie, ist die fantastische Geschichte einer Welt, die im Würgegriff von christlichen Fanatikern langsam vor die Hunde geht und unaufhaltsam auf ein blutiges Ende zusteuert.
In Band 3 absorbiert Söldnerin Yiu ein Implantat. Mit dessen Verarbeitung hat sie diesmal enorme Schwierigkeiten. Doch sie will diese Mission aufgrund des hohen Kopfgeldes unbedingt durchführen. Ihr Ziel befindet sich in der Festung und schon der Anflug gestaltet sich als fast undurchführbar. Das Verteidigungssystem der Festung funktioniert mit fast tödlicher Präzision. So verliert Yiu nicht nur das Schiff, sondern auch einen Großteil ihres Teams. Dennoch gelingt es ihr, in die Festung einzudringen.
Obwohl bisher bei dieser Serie nicht mal der Ansatz von Langweile aufkam, wird schnell deutlich, dass die Autoren diesmal einen Schwerpunkt darauf setzen, die Serie mit neuen Elementen zu versehen, ohne aber dabei die Grundelemente zu vergessen.
So wird beispielsweise rasch klar, dass Yiu eine Söldnerin ist, deren Motivation darin besteht, möglichst viel Geld zu verdienen. Dabei nimmt sie jedes Risiko auf sich und auf ihre Gesundheit keine Rücksicht.
Erstmals ist Yiu gezwungen, in einem Team zu agieren. Dabei betonen die Autoren, dass dies der Einzelgängerin Yiu absolut missfällt. Besonders gut gelungen ist die optische Absetzung der Passage, in der Yiu die Bedeutung ihrer Mission verdeutlicht wird.
Im Gegensatz zu Teil 2 steht hier die Action eindeutig wieder im Vordergrund. So wird das Tempo allmählich, aber permanent und konsequent gesteigert und findet seinen Höhepunkt im Anflug auf die Festung, die optisch eindeutig von den größten Kathedralen der Welt inspiriert ist. Der Kampf der verschiedenen Glaubensrichtungen und Kirchen im „Yiu-Universum“ ist mittlerweile Programm. Mit dem Ansturm auf die Festung spitzt sich dieser Kampf eindeutig zu. Als weiteres neues Stilmittel verwenden die Autoren einen Cliffhanger, den sie nicht im klassischen Sinne setzen, sondern so anpassen, dass er zu „Yiu-Die Apokalypse“ passt.
Die Fortsetzung darf man als Leser mit Spannung erwarten.
Nicolas Guenet, Jérôme Renéaume Téhy & J.M. Vee: Yiu – Die Apokalypse 3, HC, 74 Seiten, Euro 14,80, Splitter Verlag