Bittersüß in Reinkultur

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Jenseits 

 

Bei einem Nachmittagskaffee fällt eine seltsame Substanz herab, die Aurora, ihre Freundin Plim und Hektor in eine fremde Gegend bringt. In dieser neuen Umgebung müssen sie sich behaupten, was sie auch mit wachsender Energie, Einsatz, Durchsetzungsvermögen und sogar Gewaltbereitschaft tun, bis sich Aurora bedroht sieht.

  Da denkt man, dass man einen Comic mit einer schönen Handlung liest und stellt schon nach den ersten paar Seiten fest, dass man sich gewaltig getäuscht hat. Denn „schön“ ist hier nur die sonnendurchflutete Umgebung, in die es Aurora und Plim verschlägt. Sie bildet auch den Kontrast zur Handlung, die eindeutig von der wachsenden Gewaltbereitschaft der Charaktere des vorliegenden Bandes bestimmt wird. Dabei dreht sich die Gewaltspirale immer schneller und die Handlungen der Charaktere fallen auch immer heftiger aus. Es beginnt mit einem Käfer, den Aurora umtritt und endet mit eiskalt geplantem, mehrfachem Mord des Charakters, der sich noch weitgehend seine Menschlichkeit bewahrte, nämlich Aurora.

Ein weiterer Charakter wird bei lebendigem Leib beerdigt, weil er nur ein Auge hat und deshalb, „wie ein Monster aussieht“. Des Weiteren sind eigentlich sämtliche Charaktere mit Ausnahme von Aurora auf den eigenen Vorteil aus.

So unterhält dieser Comic nicht im traditionellen Sinne. Er rüttelt seine Leser auf und verstört sie, was auch daran liegt, dass für die sich immer schneller drehende Gewaltspirale, die natürlich eine Gesellschaftskritik darstellt, auch überhaupt keine Erklärung gegeben wird. Hier haben keine Außerirdischen einige Charaktere übernommen oder werden von einem machtbesessenen Despoten gegeneinander ausgespielt. Nein, die Grausamkeiten werden aus Spaß an Gewalt und zum eigenen Vorteil begangen, so dass die Gewalttätigkeiten einen nahezu parodistischen Charakter gewinnen, da auch die Beweggründe kaum niedriger sein könnten. Spontan fühlte ich mich beim Lesen dieser empfehlenswerten Graphic Novel an William Goldings Meisterwerk Herr der Fliegen erinnert.

Der Verlag Reprodukt hat mit der Auswahl dieses Titels jedenfalls ein feines Näschen bewiesen.

Jenseits, Reprodukt, 95 Seiten, SC, 18 €

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