Spannende Chronologie einer Beziehung

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Bastian Vivès kann trotz seiner Jugend bereits auf ein beträchtliches Portfolio zurückblicken. Reprodukt veröffentlicht nun nach dem Erfolg des letztjährigen Comic-Salons von Der Geschmack von Chlor nun sein nächstes Werk, In meinen Augen.

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Haarmann

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 Kaum ein Kriminalfall dürfte die Öffentlichkeit je so beschäftigt haben wie der Fall des Serienmörders Haarmann, der wohl in den Jahren 1918-1924 bis zu 27 Menschen in Hannover umgebracht hat.

Nach Gift, das die Morde der Giftmörderin Margarethe Gottfried aufarbeitet, widmet sich Peer Meter mit dem vorliegenden Band einem der größten Justizskandale, die je auf deutschem Boden stattgefunden haben. Hat Meter bei Gift noch mit Barbara Yelin zusammengearbeitet, steht ihm bei Haarmann Isabel Kreitz als Zeichnerin zur Seite. 

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Ansprechende Biografie vor der Beatlemania

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Nach seinem preisgekrönten Comic (Sondermann-Preis 2005 als bester Newcomer, ICOM 2006) Acht, Neun, Zehn legt Arne Bellstorf mit der Biografie über Astrid Kirchherr und Stuart Sutcliffe sein nächstes Werk vor. 

Doch Bellstorfs Biografie geht über das Portrait von Kirchherr und Sutcliffe hinaus, denn sie lässt das Hamburg der frühen 60er Jahre auferstehen und flankiert „nebenbei“ den unaufhaltsamen Aufstieg einer der erfolgreichsten Bands aller Zeiten. 

Der Titel allein ist schon geschickt gewählt und verfolgt gleich mehrere Ansätze. Astrid Kirchherr hat sich seinerzeit überwiegend schwarz gekleidet. Außerdem handelt es sich um ein Lied der Beatles. Man kann aufgrund des tragischen Endes der Liebesgeschichte auch die Trauer Astrids in den Titel interpretieren. 

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Beginn zweier Welt-Karrieren

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  Ein Mann erinnert sich an seine Kindheit, als er wegen eines ausgerenkten Schultergelenks einen Osteopathen aufsuchte, der der Masseur von Al Capone war.

Einige Zeit später, als sein Arm längst wieder verheilt war, traf er den Osteopathen zufällig wieder. Wenig später wurde der Osteopath von drei Männern abgeholt.

Erinnerung ist das zentrale Thema von Violent Cases, wie Veilchenblau im Original heißt. So blickt der Erzähler auf seine Kindheit zurück. Er betont zwar, dass er als Kind nicht misshandelt wurde, aber im Laufe der Story wird klar, dass sein Vater einiges getan hat, das man als bedenklich bezeichnen muss.

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Intensiv erzählte Autobiographie

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Ulli zieht mit 15 Jahren aus einem Dorf in die Großstadt Wien. Dort erliegt sie den Verlockungen der Großstadt. Partys und die Punkszene bestimmen ihren Tagesablauf.

So grenzt sich Ulli immer mehr von ihrem vorherigen Leben und damit von ihrer Familie ab. Sie lernt Edi kennen, die schon einmal versucht hat, über die grüne Grenze nach Italien zu gelangen. Doch der Versuch scheiterte. Als Bardamen versuchen sie Geld zu verdienen, um einen erneuten Anlauf nach Italien nehmen zu können.

Ulli und Edis Handlungen sind von Naivität, wie sie Teenagern nun mal eigen sind, geprägt. Naivität ist und bleibt ein roter Faden der Handlung. Sie findet im Laufe der Handlung lediglich auf anderen Ebenen statt.

Gleichzeitig atmet man als Leser förmlich die Atmosphäre der 80er Jahre, als sich Ulli als Punk plötzlich Skinheads gegenübersieht, ein. Gleichzeitig wirken Momente, in denen über Schillinge und Lire diskutiert wird, nahezu nostalgisch. Auch ein Hauch von Philosophie darf nicht fehlen, als Ulli Edi erklärt, dass sie jeden Tag angeht, als sei es ihr letzter. Diese Einstellung wurde durch den frühen Tod der kleinen Schwester ausgelöst, der sie in jungen Jahren zweifellos geprägt hat. Neben diesen völlig verschiedenen Ansätzen verfügt der vorliegende Band über einige Momente, die fast übergangslos in den Plot eingebaut sind, so das Lesegefühl intensivieren, den Leser förmlich an die Handlung fesseln und nie erlauben, unaufmerksam zu werden. Dabei vernachlässigt Ulli Lust auch nicht humoristische Anmerkungen, indem sie sich über ihre eigenen Geographiekenntnisse lustig macht. So finden Ulli und Edi, nachdem sie sich im Dunkeln durch Wald und Morast gekämpft und gewühlt haben, zufällig einen Grenzstein. Typisch für die Intensität der Erzählung, die in dieser Form wohl nur von einer Autobiographie geboten werden kann, ist, dass man als Leser förmlich das Dunkel spürt und gemeinsam mit den beiden Protagonisten durch den Wald irrt.

Edi ist eine Nymphomanin, die mit jedem ins Bett geht. 1984 war AIDS noch nicht das Thema, das es heute ist.

Ulli und Edi wollen in Italien überwintern und sich nach Sizilien durchschlagen. Sie trampen und trotz aller Sprachbarrieren, die erst am Ende des Bandes abgebaut werden, gelangen sie immer weiter nach Süden. Hierbei greift Ulli Lust auf ein interessantes Stilmittel zurück. Das für Ulli und Edi unverständliche Italienisch wird in den Sprechblasen als eine Art Wellenlinie dargestellt, deren Inhalt für den Leser ebenso nicht nachvollziehbar ist. Natürlich machen sie viele Männerbekanntschaften und machen fast genauso viele sexuelle Erfahrungen, die aber zumindest für Ulli meist negativ verlaufen. Zwischen Ulli und Edi treten erste Konflikte auf, die allein schon darauf basieren, dass Ulli aus negativen Erfahrungen Lehren zieht, während sich Edi fortwährend die Welt schön redet. Dennoch sind sie auch aufeinander angewiesen, auch wenn sich die Rollen verschieben. Edi ist zwar die ältere, aber Ulli übernimmt mehr eine Art Führungsrolle, während sich Edi gleichzeitig an Ulli anlehnt. Über Rom, wo sie eine längere und relativ unbeschwerte Zeit verbringen, erreichen sie Palermo. Dort lernen sie Andreas kennen, der ein Junkie ist, und kommen selbst in Kontakt mit Drogen. Der dubiose Francesco bringt die Gruppe auseinander und sorgt dafür, dass sie sich an einem Treffpunkt verpassen. Ratlos kehrt Ulli nach Rom zurück und hofft, dass sie dort Edi und Andreas wieder treffen kann.

Wieder in Rom lernt Ulli Dieter und Marc aus Gambia kennen. Langsam beginnt sie die ersten Brocken italienisch zu lernen. Sie merkt jedoch, dass Rom für sie allein kein sicheres Pflaster ist. Sie reist wieder nach Palermo. Ulli Lust versäumt es nicht, auch zeichnerisch darzustellen, dass es nun für Ulli ungleich schwerer ist, sich allein durchzuschlagen, obwohl sie sich die Erfahrungen von Andreas angeeignet hat. Ullis Mimik wirkt nun ernster.

Auf Sizilien wird Ulli vergewaltigt. Man kann als Leser seinen Hut nicht häufig und tief genug ziehen, dass Ulli Lust um dieses Ereignis keinen Bogen macht, sondern es zwar zeichnerisch verfremdet, aber dennoch schonungslos, schildert. Unverkennbar ist, dass eine Frau in den 80er Jahren auf Sizilien längst nicht gleichberechtigt ist und primär dafür da ist, Männern zu dienen. Ulli lernt Heinz und Frankie kennen und kommt mit Frankie zusammen. Als sie Edi und Andreas wieder trifft, macht sie mit Frankie Schluss. Edi und Andreas sind in Palermo schon so etwas wie eine Institution. Sie haben keine Angst vor der Polizei, weil sie sich des Schutzes des Capos sicher sind. So geraten sie in die Kreise der Mafia, was ihnen fast zum Verhängnis wird. Insbesondere diese Kapitel sind nicht nur besonders intensiv, sondern auch unglaublich spannend erzählt. Sie rauben dem Leser den Atem, wobei Edis scheinbar grenzenlose Naivität, zu der sich nun ein handfestes Drogenproblem gesellt, unbeschreiblich ist. Dies führt auch zur Trennung von Ulli und Edi bzw. von Andreas und Edi. Als Ulli und Andreas von der Polizei festgenommen und abgeschoben werden, erkennt Andreas, dass auf die Mafia nun wohl schwerere Zeiten zukommen werden. In Rom geht Ulli zur österreichischen Botschaft. Dort erfährt sie, dass sie ihre Eltern als vermisst gemeldet haben und sie polizeilich gesucht wird. Dies wird ihr erst in diesem Moment auch bewusst.

Ulli und Andreas sind unfreiwillig Zeuge eines historischen Ereignisses geworden. Die Vormachtstellung der Mafia auf Sizilien beginnt zu bröckeln.

Mit Ende des Comics legt Ulli Lust noch einmal an Intensität zu, auch wenn das unglaublich erscheint. Sie fällt förmlich aus allen Wolken, als sie erfährt, dass sie polizeilich gesucht wird und insbesondere, warum sie gesucht wird. Die Rückkehr ins Elternhaus zeigt, dass sie wohl einige Zeit gebraucht hat, um wieder in ein anderes Leben zurückzukehren. Dies veranschaulicht Ulli Lust mit einem einzigen Panel, als sie Ulli nicht im Bett, sondern auf dem Boden schlafen lässt.

Dass Ulli Lust ihre Zeit in Italien so schildert, nötigt ihren Lesern jeden Respekt ab, denn sie tut dies schonungslos und jederzeit ohne Rücksicht auf ihre eigene Person. Bei dieser Schonungslosigkeit verwundert es nicht weiter, dass Ulli Lust Edis wirklichen Namen nicht enthüllt. Diese Graphic Novel ist eine Bereicherung für die Comicwelt und zeigt, dass Comics heute erwachsener sind denn je. Nicht umsonst hat Ulli Lust für Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens den Publikumspreis beim diesjährigen Comic-Salon in Erlangen gewonnen.

Wunderbares Erstlingswerk

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Der Geschmack von Chlor 

Von seinem Physiotherapeuten wird ein schwächlicher Patient zum Schwimmen geschickt. Widerwillig nimmt der Mann den Rat an und unternimmt unsportliche und ungelenke Schwimmversuche. Zufällig macht er im Schwimmbad die Bekanntschaft mit einer ehemaligen Wettkampfschwimmerin, die ihm hilft, seinen Schwimmstil zu verbessern. So lernt er immer mehr von ihr, bis sie eines Tages in männlicher Begleitung im Schwimmbad erscheint. 

Bastian Vivès legt in der vorliegenden Story sehr viel Wert auf Atmosphäre und Stimmungen. So fühlt man als Leser mit dem Patienten, der sich zunächst in einer dunklen und trostlosen Nacht mit einem Freund zum Schwimmen verabredet. Vivès muss auch ansonsten häufiger ein Schwimmbad besucht haben, denn neben der Haupthandlung um den Patienten, dessen Namen der Leser ebenso wenig erfährt wie den Namen der Schwimmerin, fügt er immer wieder Details ein, wie man sie von einem Besuch des Schwimmbades kennt. So gibt es überfüllte Zeiten, in denen ein Schwimmen kaum möglich ist, ein Mann, der ihn beim Duschen haargenau inspiziert oder auch Leute, die sich nur an den Beckenrand setzen, und erst gar nicht ernsthaft schwimmen wollen.

So leidet man als Leser fast schon mit den Patienten bei seinen ersten Schwimmversuchen. Chlor beißt in den Augen und das Wasser steigt ihm in die Nase. Auch mit der Kondition des Patienten wird es nur langsam und nach den ersten Trainingseinheiten mit der Schwimmerin besser. Parallel hierzu versteht er sich auch mit der Schwimmerin immer besser. Sehnsüchtig wartet er mittwochs, bis sie endlich das Schwimmbad betritt. Immer wieder wandert sein Blick zum Balkon, auf dem er sie immer zuerst sehen kann.

Als sie ihm eine Botschaft unter Wasser zukommen lässt, die er nicht entschlüsseln kann, ist er auf den nächsten Mittwoch und die angekündigte Auflösung gespannt.

Ich möchte an dieser Stelle nicht darauf eingehen, wie Vivès seine Story zu Ende erzählt. Es sei lediglich versichert, dass es eine Menge Interpretationsspielraum gibt und genau den sollte jeder Leser dieser Story für sich ausüben, da gerade hierin unter anderem der Reiz liegt.

Ebenso beeindruckend ist die atmosphärische Dichte dieser Story, die Vivès mit nahezu lakonischen Dialogen und der zeichnerischen Gestaltung des Schwimmbades erreicht. Gerade dieses Schwimmbad wirkt so steril, dass man als Leser mit ins Schwimmbecken eintaucht und den Geschmack von Chlor auf der Zunge hat.

Vivès steht erst am Anfang seiner Karriere. Dennoch hat er schon zahlreiche Stories geschrieben und gezeichnet. Ich bin mir sicher, dass Reprodukt hiervon noch einige veröffentlichen wird. Die Entscheidung, als deutsches Erstlingswerk, diese preisgekrönte Story zu veröffentlichen, war auf jeden Fall richtig. 

Der Geschmack von Chlor, Reprodukt, 143 Seiten, SC, 18 €

Ekkis Top 10 Graphic Novel

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Mal zur Unterhaltung zwischendurch eine alphabetische Liste meiner Lieblingstitel der letzten 2-3 Jahre, die man durchaus als Graphic Novel bezeichnen kann. Es sind alles in sich abgeschlossene und äußerst lesenswerte Titel, kurz und knapp vorgestellt.

– Aufzeichnungen aus Birma von Guy Delisle (Reprodukt)
Wieder eine Reportage aus einer asiatischen Diktatur, diesmal ein bißchen persönlicher im Ton. Und spannend wie der beste Krimi.

– Bäche und Flüsse von Pascal Rabaté (Reprodukt)
Ein Comic übers Altwerden, wie man es sich erhofft.
Märchenhaft in Bild und Text.

– Ein neues Land von Shaun Tan (Carlsen)
Ein Comic über einen Emigranten, der sinnigerweise ganz auf den Text verzichtet.
Unglaublich tolle Grafik!

– Jenseits von Kerascoët & Fabien  (Reprodukt)
Selten haben Grafik und Inhalt so gegensätzlich ausgesehen. 
Ein wirklich fieses kleines Meisterwerk.
                                                  
– Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen von Émile Bravo & Jean Regnau (Carlsen)
Bravo hat nicht nur den besten Spirou seit Jahren abgeliefert, sondern schafft es in diesem Band die Kinderperspektive so meisterhaft einzufangen, wie einst „Der kleine Nick“.

– Mit fremder Feder von Patrice Lebeault (Finix Comics)  
Eine sehr gelungene und feine Hommage an Groschen- & Fortsetzungsromane des 19. Jahrhunderts.

– Olaf G. von Lars Fiske & Steffen Kverneland (Avant)
Nicht nur eine Biografie von „Simplicissimus“-Zeichner Olaf Gulbransson, sondern auch ein Reisebericht zweier Norweger in Deutschland, ein Bilderbuch und vieles mehr.
Zeigt, was mit dem Medium Comic alles möglich ist.

– Sonnenfinsternis von Fane & Jim (Splitter)
Spritzige Komödie über Enddreissiger, ihre Beziehungsprobleme und Lebenslügen.
Äußerst unterhaltsam!

– The Surrogates von Robert Venditti & Brett Weldele (Cross Cult)
Eine düstere Zukunftsvision, toll erzählt, grafisch brillant umgesetzt und opulent ausgestattet.

– Tamara Drewe von Posy Simmonds (Reprodukt)
Simmonds hat ihre eigene Form der Graphic Novel entwickelt. Mit vielen zusätzlichen Texten und modernen Medieneinsprengseln, das macht das Leseerlebnis aber nur intensiver.

Episches Meisterwerk

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Tamara Drewe 

Stonefield ist eine kleine abgelegene Farm in England, die als Refugium für verschiedene Autoren dient und deren Abgeschiedenheit schon so mancher Autor nutzen konnte, um seine Schreibblockade zu überwinden. Die Betreiber von Stonefiedls, Beth und Nicholas, durchleben Beziehungsprobleme, deren Zeuge Glen, einer der Gäste, der seit mehreren Jahren an einem Buch schreibt, wird.

Die heile Welt des kleinen Dorfes wird völlig auf den Kopf gestellt, als Tamara Drewe, einst ein Mauerblümchen und nach einer Nasenkorrektur eine attraktive, junge Dame und zugleich eine angesehene Klatschkolumnistin, die für eine Londoner Zeitung arbeitet, die Farm ihrer verstorbenen Mutter erbt und bezieht. Umgehend zieht sie die Männer des Dorfes in ihren Bann.

In London lernt Tamara Drewe Ben, einen Rock-Star, der sich von seiner Band getrennt hat, kennen und lieben. Ben schätzt das Landleben überhaupt nicht und überrascht Tamara Drewe mit seinem Angebot, gemeinsam nach Los Angeles zu ziehen.

Auf Ben werden zwei Mädchen, Casey und Jody, aufmerksam. Sie erkennen ihn nicht nur, sondern besonders Jody entwickelt eine Art Besessenheit.

Immer wieder dringen sie in Tamaras Farm ein, sobald sich Tamara Drewe und Ben in London befinden und so das Haus leer steht. Als Jody dann noch eine Email mit eindeutig zweideutigem Inhalt an Andy, Nicholas und Ben abschickt, trennen sich Tamara Drewe und Ben. Tamara beginnt stattdessen eine Affäre mit Nicholas, während sich Beth noch über ihren sichtlich gut gelaunten und aufgeräumten Mann freut. Diese Affäre bleibt so langte geheim, bis Nicholas eine Reifenpanne hat und ihm Tamara Drewe hilft. Da sich das Paar unbeobachtet fühlt, küssen sie sich. Dies wird aber von Casey und Jody beobachtet. Casey macht mit ihrem Handy hiervon ein Foto, da sie wenig später Beth anonym zuschickt. Ungewollt lösen die beiden Teenager so weitere Ereignisse aus.

Posy Simmonds beginnt ihre Graphic Novel nahezu klischeehaft. Eine junge Dame hat sich äußerlich verändert und in der Fremde Erfolg. Dies weckt natürlich die Skepsis der Dorfbewohner. Ihre Rückkehr verursacht sodann eine gewisse Unordnung und Unruhe in dem ländlichen Idyll. Das war es aber auch schon mit den Klischees, mit denen die Autorin umgehend wieder bricht. Allein die Herangehensweise von Posy Simmonds, die sowohl die Handlung, aber auch die Charaktere aus der Perspektive verschiedener Figuren schildert, schafft eine Tiefgründigkeit, wie man es als Leser von Comics nur selten erleben darf. Und genau diese ungewöhnliche Herangehensweise fesselt den Leser.

Mit der Charakterisierung ihrer Titelfigur lässt sich Simmonds ungewöhnlich viel Zeit. So dass der Leser gefordert ist, ihre Handlung einzuordnen. Ich wette, dass dies auch sehr unterschiedlich ausfallen würde und sich in der kompletten Bandbreite zwischen unverstandene, junge Dame und „Schlampe“ bewegen wird. Simmonds zeigt damit auf, dass man sich erst ein Urteil über einen Menschen bilden sollte, wenn man ihn näher oder im besten Fall all seine Vorzüge und Nachteile kennt, denn auch Tamara Drewe durchlebt im Laufe der Handlung einige Änderungen.

Auch die anderen Charaktere bewegen sich scheinbar in Klischees. So ist Ben ein abgehalfterter Rock-Star und Egomane, Nicholas eine intellektueller Frauenheld und Beth die eifersüchtige Ehefrau und das treusorgende Hausmütterchen. Doch wenn man genauer hinschaut, was sich bei dieser komplexen Handlung durchaus lohnt, versieht Simmonds ihre Charaktere mit individuellen Facetten, deren Spannungsfeld in der Interaktion dieser Charaktere die Handlung trägt. Und wenn Simmonds scheinbar auf der Stelle tritt, fügt sie, wie beispielsweise mit Casey und Jody zwei gelangweilte Teenager hinzu, die wiederum neue Handlungsstränge auslösen. So sind es insbesondere scheinbare Nebensächlichkeiten und Nebenstränge, die sich dann als fester Bestandteil der Hauthandlung herauskristallisieren und ihr so neue Impulse verleihen. Gerade diese überraschenden Wendungen sind ein weiterer Aspekt, der das Besondere an Tamara Drewe ausmacht.

Der Schluss, den ich ausdrücklich nicht verraten möchte, versöhnt die Charaktere miteinander. Doch auch hier achtet Simmonds darauf, dass diese Versöhnung nicht zu harmonisch verläuft und besonders für Glen ein schaler Beigeschmack bleibt.

Denn Simmonds legt ihr Augenmerk darauf, zu schildern, dass hinter der Fassade eines ländlichen Idylls die Charaktere unabhängig von ihrer Bildung und ihrem Berufsstand sich gar nicht so sehr unterscheiden und sich in ihren Eitelkeiten und Begierden doch sehr ähnlich sind.

Es ist schwierig zu prognostizieren, welche Comics und Graphic Novels in 2010 noch veröffentlicht werden, aber Tamara Drewe von Posy Simmonds zählt schon jetzt für mich zu einem der Werke diesen Jahres. 

Tamara Drewe, Reprodukt, 135 Seiten, 20 €

Bittersüß in Reinkultur

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Jenseits 

 

Bei einem Nachmittagskaffee fällt eine seltsame Substanz herab, die Aurora, ihre Freundin Plim und Hektor in eine fremde Gegend bringt. In dieser neuen Umgebung müssen sie sich behaupten, was sie auch mit wachsender Energie, Einsatz, Durchsetzungsvermögen und sogar Gewaltbereitschaft tun, bis sich Aurora bedroht sieht.

  Da denkt man, dass man einen Comic mit einer schönen Handlung liest und stellt schon nach den ersten paar Seiten fest, dass man sich gewaltig getäuscht hat. Denn „schön“ ist hier nur die sonnendurchflutete Umgebung, in die es Aurora und Plim verschlägt. Sie bildet auch den Kontrast zur Handlung, die eindeutig von der wachsenden Gewaltbereitschaft der Charaktere des vorliegenden Bandes bestimmt wird. Dabei dreht sich die Gewaltspirale immer schneller und die Handlungen der Charaktere fallen auch immer heftiger aus. Es beginnt mit einem Käfer, den Aurora umtritt und endet mit eiskalt geplantem, mehrfachem Mord des Charakters, der sich noch weitgehend seine Menschlichkeit bewahrte, nämlich Aurora.

Ein weiterer Charakter wird bei lebendigem Leib beerdigt, weil er nur ein Auge hat und deshalb, „wie ein Monster aussieht“. Des Weiteren sind eigentlich sämtliche Charaktere mit Ausnahme von Aurora auf den eigenen Vorteil aus.

So unterhält dieser Comic nicht im traditionellen Sinne. Er rüttelt seine Leser auf und verstört sie, was auch daran liegt, dass für die sich immer schneller drehende Gewaltspirale, die natürlich eine Gesellschaftskritik darstellt, auch überhaupt keine Erklärung gegeben wird. Hier haben keine Außerirdischen einige Charaktere übernommen oder werden von einem machtbesessenen Despoten gegeneinander ausgespielt. Nein, die Grausamkeiten werden aus Spaß an Gewalt und zum eigenen Vorteil begangen, so dass die Gewalttätigkeiten einen nahezu parodistischen Charakter gewinnen, da auch die Beweggründe kaum niedriger sein könnten. Spontan fühlte ich mich beim Lesen dieser empfehlenswerten Graphic Novel an William Goldings Meisterwerk Herr der Fliegen erinnert.

Der Verlag Reprodukt hat mit der Auswahl dieses Titels jedenfalls ein feines Näschen bewiesen.

Jenseits, Reprodukt, 95 Seiten, SC, 18 €

Apokatastasis

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Signal to Noise 

 Ein Regisseur erfährt bei einem Arztbesuch, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist und nur noch wenige Monate zu leben hat. In Ihm entsteht die Idee zu einem Film, den er nicht mehr drehen können wird. Dennoch beschließt er, das Drehbuch zu schreiben, das er kurz vor seinem Tod noch vollenden kann. 

Signal to Noise ist eigentlich ein Begriff aus der Physik und definiert das Verhältnis der Botschaft zu Hintergrundgeräuschen. Solche störende Hintergrundgeräusche kennt der eine oder andere vielleicht noch daher, wenn man ein altes Radio auf den gewünschten Sender einstellt. Je deutlicher das Signal ist, desto weniger störend ist folglich das Hintergrundgeräusch. Diese These findet auch im übertragenen Sinn Anwendung bei der Filterung von Informationen aus Daten. Gerade heutzutage sind wir von so vielen Geräuschen (Datenüberfluss) umgeben, dass es immer schwieriger wird, die eigentliche Botschaft, das Signal zu erkennen.

Auch in Gaimans vorliegender Graphic Novel, die zunächst als Fortsetzungsgeschichte 1989 im Magazin The Face erschienen ist, geht es darum eine Idee, die in der Phantasie des Autoren entstanden ist, so niederzuschreiben und folglich auch einem Publikum zu präsentieren, wie es der Autor auch tatsächlich beabsichtigt. Um dies zu realisieren, muss er alle Nebengeräusche ausblenden. Hierzu zählen seine besorgte Produzentin und seine Ärztin. Einen Kontrast hierzu bietet sein Nachbar, der ihm unbeabsichtigt hilft, eine Passage seines Drehbuchs besonders gut zu schreiben.

Im fortlaufenden Stadium seiner Krankheit zeigt der Regisseur, dass er die Hintergrundgeräusche immer besser ausblenden und so die Story noch vor seinem Tod zu Ende bringen kann. Zweifellos steht dies für die Unbeugsamkeit des menschlichen Geistes.

Die Story selbst bietet keine Unterhaltung im klassischen Sinne. Sie provoziert und ärgert seine Leser, aber Gaiman bietet auch nicht an einer einzigen Stelle einen Ausweg an und lässt so keinen Zweifel daran, dass sein Held auch wirklich einen bitteren Tod sterben wird.

Das Drehbuch selbst handelt von Dorfbewohnern, die am 31. Dezember 999 auf den Weltuntergang und nicht das Jahr 1000 warten. Als der sichergeglaubte Weltuntergang nicht eintritt, werden sie mit ihren Leben, mit ihren Alltagssorgen, Ängsten und Nöten zurückgelassen und müssen das tun, was Menschen immer tun – nämlich weitermachen und dies mal weniger gut, mal weniger schlecht.

Diese Story wird allerdings erst zu etwas Besonderem aufgrund des erstaunlichen Artworks von Dave McKean, das eine Mischung aus Bleistiftzeichnungen, Fotografie, Pinselzeichnungen und Computergrafik ist und auf beeindruckende Art und Weise die melancholische Botschaft von Verlust und Bedauern zum Leser transportiert. Zum Glück für den Leser hat Panini diese Story im Album Format veröffentlicht. Nur so kommt dieses phänomenale Artwork zur Geltung. Gaiman unterstreicht mit Signal to Noise, dass er der Poet unter den Comicautoren ist.

Für das Theater wurde Gaimans Graphic Novel 1999 adaptiert. Darüber hinaus wurde sie auch als Hörspiel umgesetzt. 

Signal to Noise, Panini Comics, 96 Seiten, HC, 19,95 €