Ansprechende Biografie vor der Beatlemania

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Nach seinem preisgekrönten Comic (Sondermann-Preis 2005 als bester Newcomer, ICOM 2006) Acht, Neun, Zehn legt Arne Bellstorf mit der Biografie über Astrid Kirchherr und Stuart Sutcliffe sein nächstes Werk vor. 

Doch Bellstorfs Biografie geht über das Portrait von Kirchherr und Sutcliffe hinaus, denn sie lässt das Hamburg der frühen 60er Jahre auferstehen und flankiert „nebenbei“ den unaufhaltsamen Aufstieg einer der erfolgreichsten Bands aller Zeiten. 

Der Titel allein ist schon geschickt gewählt und verfolgt gleich mehrere Ansätze. Astrid Kirchherr hat sich seinerzeit überwiegend schwarz gekleidet. Außerdem handelt es sich um ein Lied der Beatles. Man kann aufgrund des tragischen Endes der Liebesgeschichte auch die Trauer Astrids in den Titel interpretieren. 

Bereits mit den ersten Paneln zeigt Bellstorf, worauf er Wert legt. Atmosphärisch gelungen beschreibt er einen Traum Kirchherrs, die sich mit ihrem Freund Klaus Voormann mehr und mehr auseinander lebt, um dann auf das St. Pauli der 60er Jahre umzuschwenken. Sehr detailliert zeigt er das Gedränge und das aggressive Werben der Türsteher um Kunden auf der Reeperbahn. Besonders gelungen ist es ihm, die Dynamik auf der Bühne einzufangen und zum Leser zu transportieren. Dabei stellt er die Songtexte über die Panel und fängt sie nicht als Sprechblase ein, was seinen Zeichnungen mehr Raum gibt. 

Schon beim ersten Besuch Astrid Kirchherrs im Kaiserkeller begegnen sich die Blicke von Astrid und Stuart immer wieder, obwohl sich Stuart hinter einer dunklen Sonnenbrille versteckt. Früh wird klar, dass Stuart Sutcliffe, der gemeinhin auch als der fünfte Beatle gilt, die Musik nicht so wichtig ist. Er hält sich nicht einmal für besonders talentiert, sonder ist aus Freundschaft zu John Lennon Mitglied der Beatles, die noch ihre endgültige Besetzung suchen und auch noch vor ihrem Durchbruch stehen.

Seine Leidenschaft und Bestimmung sieht Sutcliffe in der Malerei, was sich mit Kirchherrs Beruf als Fotografin bestens ergänzt. Beide stehen noch am Anfang ihrer Karrieren, was wiederum mit den Anfängen der Beatles korrespondiert und von Bellstorf in Einklang gebracht wird. Dabei wird man als Leser überrascht, wie spartanisch die Beatles zu Beginn ihres Wirkens in Hamburg gelebt oder wohl eher gehaust haben.

Dabei verzichtet Bellstorf nicht auf Anspielungen. Paul ist immer zu einem Scherz aufgelegt und durchweg optimistisch, während John nachdenklicher, besorgter und reifer erscheint.

Immer wieder wird der Name „Koschmider“ erwähnt. Dahinter verbirgt sich Bruno Koschmider, der so etwas wie der erste Manager der Beatles in Hamburg war, aber sie offenbar ausnutzte. Auch hier zeigt sich das erzählerische Talent Bellstorfs. Fast schon beiläufig, aber dennoch für den Leser unübersehbar, stellt er die Trennung der Beatles von Koschmider und ihre daraus resultierenden Schwierigkeiten mit dem deutschen Gesetz (George Harrison war noch minderjährig und Paul McCartney sowie der damalige Drummer Peter Best werden der Brandstiftung beschuldigt) dar, die zu einer Abschiebung der Beatles führen. Dadurch, dass Koschmider in keinem Panel gezeigt, aber dennoch immer wieder erwähnt wird, erhält er fast schon die Omni-Präsenz eines Paten von St. Pauli.

Während die übrigen Bandmitglieder Deutschland vorübergehend verlassen müssen, bleibt Stuart bei seiner Verlobten und fasst immer mehr Fuß in Deutschland. 

Angenehm zurückhaltend und doch so, wie es die Schuldigkeit eines Chronisten ist, schildert Bellstorf die Gesundheitsprobleme Sutcliffes.

Dabei wirkt es schon beklemmend, als Astrids Telefon klingelt und sie zu wissen scheint, worum es in diesem Telefonat gehen wird. Man kann es schon als Zynismus des Schicksals bezeichnen, dass es Sutcliffe nicht mehr vergönnt war, den endgültigen Durchbruch der Beatles, der zu einer eigenen Ära sowie zur Beatlemania führen wird, zu erleben. Den Moment, in dem Sutcliffe aus dem Leben gerissen wird, stellt Bellstorf als einen Moment der Sprachlosigkeit dar, was diesem Teil der Biografie noch mehr Intensität verleiht. 

Bellstorf hat seinen Zeichenstil im Vergleich zu seinem Erstlingswerk deutlich gesteigert. Seine Zeichnungen sind in schwarz-weiß mit Grauabstufungen in klaren Linien kontrastreich gehalten.

Bereits nach den ersten Paneln wird dem Leser deutlich, wie intensiv seine Recherchearbeit war. Dies betrifft nicht nur die Liebesgeschichte zwischen Astrid und Stuart, sondern auch das Stadtbild zur damaligen Zeit. Dabei profitieren seine Panel offenbar von der eigenen Nähe zu Hamburg, denn Bellstorf lebt dort mit seiner Familie.

Bellstorf ist über Kirchherrs Fotografien der Beatles und die Szene, in der sie sich damals bewegt hat, auf das Thema gestoßen. In Interviews hat er sich von ihr die Ereignisse schildern lassen. Schade, dass gerade deswegen nicht in einem Bonus-Teil ein paar Fotos abgedruckt wurden. Schließlich handelte es sich hierbei um die ersten professionellen Fotografien der Beatles.

Ein Teil der Dialoge ist in Englisch gehalten, was für die Erzählung an sich aus dramaturgischen Gründen auch wichtig ist. So kann Bellstorf zeigen, wie sich mit Astrids wachsendem Verständnis für die englische Sprache auch die Beziehung festigt. Im Anhang findet man eine Übersetzung der Dialoge, die allerdings grundsätzlich leicht zu verstehen sind.

Sicher verbindet Bellstorf die persönliche Geschichte zwischen Astrid Kirchherr und Stuart Sutcliffe mit Zeitgeschichte. Allein dieser Aspekt macht Baby’s in Black zu einem Werk, das nicht nur für Comic-Leser und Beatles Fans interessant ist.

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