Haarmann

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 Kaum ein Kriminalfall dürfte die Öffentlichkeit je so beschäftigt haben wie der Fall des Serienmörders Haarmann, der wohl in den Jahren 1918-1924 bis zu 27 Menschen in Hannover umgebracht hat.

Nach Gift, das die Morde der Giftmörderin Margarethe Gottfried aufarbeitet, widmet sich Peer Meter mit dem vorliegenden Band einem der größten Justizskandale, die je auf deutschem Boden stattgefunden haben. Hat Meter bei Gift noch mit Barbara Yelin zusammengearbeitet, steht ihm bei Haarmann Isabel Kreitz als Zeichnerin zur Seite. 

In den 20er Jahren leidet Deutschland noch unter den Nachwehen des 1. Weltkriegs. Nahrung, insbesondere Fleisch, ist auch 6 Jahre nach Kriegsende knapp und am besten auf dem Schwarzmarkt zu erhalten. Einzig Fritz Haarmann scheint mit der Beschaffung und dem Verkauf von Fleisch keine Schwierigkeiten zu haben. Freundlich nimmt er sogar Vorbestellungen entgegen und versorgt seine Nachbarschaft zum halben Ladenpreis mit Fleisch. Einigen Nachbarn hegen einen gewissen Argwohn gegen den kauzig wirkenden Haarmann, der öfter junge Männer zu Besuch hat, die aber nie seine Wohnung zu verlassen scheinen. Auch der nächtliche Lärm, der von Haarmanns Wohnung ausgeht, erzeugt hier und da ein gewisses Misstrauen. Die Polizei selbst kann bei Haarmann nichts Verdächtiges feststellen oder erkennen. Schließlich arbeitet er als Spitzel für sie und nennt sich gern selbst Kriminal-Haarmann. Dennoch wird die Beweislast gegen Haarmann erdrückend, so dass er überführt und festgenommen wird.

Meter und Kreitz nutzen gleich zu Beginn ihres Comics jede Gelegenheit, die Nachkriegsatmosphäre der Weimarer Republik einzufangen. Dank des wunderbaren Artworks von Isabel Kreitz entsteht das Hannover der 20er Jahre neu. Man hat als Leser das Gefühl, dass man von ihr durch die Altstadt geführt wird. Die Nachkriegsatmosphäre mit ihrer Nahrungs- und Kleidungsknappheit ist dabei zum Greifen nah.

Meter stellt sehr früh klar, dass einige Hinweise auf Haarmann als Mörder hindeuteten, aber er betont ebenso, dass dies die Polizei einfach nicht wahrhaben wollte. Sogar ein Nachbar, der der Polizei immer wieder Hinweise lieferte, verlor allmählich den Mut und auch das Vertrauen in die Polizei. Selbst „seine Kunden“ hätten eigentlich erkennen müssen, dass es sich bei dem Fleisch, das sie von ihm kauften, weder um Rinder-, Schweine- oder das zu der Zeit auch häufig vertilgte Pferdefleisch handelte. Man war ihm einfach zu dankbar. Auch die Polizei will lange nicht wahrhaben, dass ihr getreuer Spitzel ein Serienmörder sein soll. Aus heutiger Sicht erscheint dies fast schon absurd oder schizophren. Einige seiner Kunden dienen sich ihm schon förmlich an, damit sie bei der nächsten Fleischlieferung auch bedacht werden. A überrascht es nicht, dass Kommissar Zufall bei der Aufklärung des Falls fleißig mithalf. Konsequent stellt Meter dieses zufällige Ereignis ebenso in den Mittelpunkt seiner Handlung wie alle Vertuschungen der Polizei, um ihre schlampigen Ermittlungsarbeiten zu vertuschen.

Die Gerichtsverhandlung und die anschließende Hinrichtung Haarmanns grenzt Meter konsequent aus. Er konzentriert sich primär auf die Charakterisierung Haarmanns, dessen eigentümliche Sprache ebenso Berücksichtigung findet wie seine Vorgehensweise, bei der er zunächst allein reisende junge Männer auf dem Bahnhof anspricht, ihr Vertrauen gewinnt und sie schließlich umbringt. Die Tatsache, dass er selbst angegeben hat, sie durch einen Biss in die Kehle getötet zu haben, hat ihm später auch den Spitznamen „Vampir“ eingebracht. Er wurde aber auch Werwolf von Hannover oder Schlächter von Hannover genannt.

Unabhängig hiervon liefern Meter und Kreitz aufgrund ihrer eindrucksvollen Darstellung ein Stück deutscher Zeitgeschichte ab, das heute vielleicht keine große Rolle mehr spielt, aber dennoch aufgrund des Justizskandals beispiellos sein dürfte. Nebenbei wird deutlich, wie und woran die Weimarer Republik scheitern musste.

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