Begeisternde Story

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Shaun Tan weiß immer wieder mit ganz besonderen Stories zu gefallen. Neben dem vorliegenden Band wurden bei Carlsen bereits „Ein neues Land“ und „Geschichten aus der Vorstadt des Universums“ veröffentlicht.

Mit der Verfilmung der vorliegenden Story hat Shaun Tan einen Oscar in der Kategorie Best Short Film (Animated) gewonnen.

 Ein Junge möchte seine Kronkorkensammlung komplettieren. Dabei findet er einen Gegenstand bzw. ein Lebewesen, das nicht so recht identifizierbar ist. Doch da es sich einsam fühlt, nimmt der Junge es mit nach Hause. Hiervon sind seine Eltern gar nicht begeistert. Der Junge versteckt es für eine Nacht im Schuppen, um es am nächsten Tag zu einer Behörde zu bringen, die für solche Fundsachen zuständig ist. Eine Reinigungskraft, die in dieser Behörde tätig ist, warnt den Jungen aber davor, sie dort abzugeben und gibt ihm eine Visitenkarte für einen besseren Ort. Der Junge sucht lange, bevor er diesen Ort finden kann. Er erweist sich aber als eine gute Wahl. 

Die vorliegende Story ist ein Appell, dass man in einer schnelllebigen Zeit, sich mehr Zeit nimmt, auf die Kleinigkeiten des Lebens und auf das, was außerhalb des Alltags geschieht, zu achten. Dass dies nicht leicht ist, räumt Tan indirekt am Ende der Story ein. Schließlich räumt der Junge ein, dass er solche Dinge nicht mehr so häufig findet wie früher. Auch den Jungen hat der Alltag eingeholt. Für diesen Alltag stehen die Eltern des Jungen, die kurz von der Fundsache Notiz nehmen, sie ablehnen, ohne sich wirklich mit ihr auseinanderzusetzen oder gar zu beschäftigen und sich dann wieder ihrem Fernsehprogramm zuwenden.

Die Fundsache selbst erinnert ein wenig an Omas bauchige Kaffeekanne aus dem guten Sonntags-Geschirr und tut dies doch auch wieder nicht. Tan hat sich bei der Gestaltung der Fundsache wirklich etwas einfallen lassen und viel Fantasie bewiesen. Doch Tan wäre nicht er selbst, wenn hinter der Fundsache nicht noch mehr stecken würde. Spätestens mit dem Besuch bei der Bundesbehörde offenbart sich, dass sie auch für Respekt, vor der Achtung der Anderen und auch Andersartige sowie Rücksicht steht. Somit wird auch klar, dass das Aussehen der Fundsache nachrangig ist, denn sie könnte schlichtweg jedermann sein, der, je nach Ort oder Kontext, mal Hilfe benötigt oder verloren gegangen ist.

Das Bundesamt, das solche Fundsachen aufnimmt, ist ein unpersönlicher Kasten mit sehr sachlichem Personal. Sie deutet an, dass man im Alltag dazu neigt, ein Schubladendenken und Gleichmachen zu entwickeln, so dass man einzelnen Dingen in ihrer Bedeutung nicht mehr gerecht wird. Hieraus entsteht wiederum eine gewisse Oberflächlichkeit, die einen eben solche Fundsachen vergessen lassen. Es geschieht also genau das, was einem selbst nie passieren sollte.

Somit hat Tan seiner Story mehrere Betrachtungsweisen verliehen, die doch zu einem gemeinsamen Ziel führen. Dabei kommt er mit knappen Dialogen aus. Manche Panel sind auch nur erklärend beschrieben, so dass der vorliegende Band einmal mehr primär mit seinen eindrucksvollen Bildern zum Leser spricht und ihn auf eine Reise in Tans bunte Fantasiewelt mitnimmt. Dies geschieht  ungemein intensiv, ohne den Leser jedoch zu überfordern, weil die Panel an keiner Stelle überfrachtet sind.

Wie man es als Leser von Shaun Tan bereits kennt, ist allein das Front- und Back-Cover ein Erlebnis für sich und lässt den Leser verweilen, bevor er den Band öffnet bzw. nach dem Lesegenuss wieder ins Regal stellt.

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