Sagenhaftes Frankfurt am Main

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  Der Ursprung des Comics, wie wir ihn heute kennen und verstehen, liegt nicht zuletzt im Zeitungsstrip. Seit gut 3 Jahren schreibt und zeichnet Manuel Tiranno Frankfurter Sagen unter dem Titel Sagenhaft Unnerwegs in der Frankfurter Allgemeine Zeitung, die donnerstags bezeichnender Weise auf der Kinder- und Jugendseite im Lokalteil veröffentlicht werden. Um allein diese Leistung zu würdigen und in einen Kontext zu stellen, gilt zu bedenken, dass langlebige Zeitungsstrips in der deutschen Medienlandschaft durchaus eine Seltenheit sind. Als Beispiele für solch eine langlebige Dauer fallen mir noch „Touchè“ in der Berliner „tageszeitung“, „Strizz“ im „F.A.Z.“ Feuilleton sowie als Speerspitze Naomi Fearns semi-autobiografischer „Zuckerfisch“ in der „Stuttgarter Zeitung“ ein.

Doch die Veröffentlichung auf der Kinder- und Jugendseite bietet durchaus auch Chancen. Gerade jugendliche Leser erhalten so die Gelegenheit, etwas über ihre Heimatstadt und ihre Geschichte nahezu spielerisch zu erfahren, denn jeder Sage liegt immer eine gewisse Portion Wahrheit zugrunde. So habe ich selbst mit großer Begeisterung meiner Großmutter zugehört, wenn sie mir Sagen und Anekdoten aus der Geschichte Marburgs wie das Rosenwunder oder die Entstehung der Elisabeth-Kirche erzählt hat.

Doch zurück zu Sagenhaft Unnerwegs. Natürlich beginnt Manuel Tiranno seine Erzählungen mit der Gründungssage als „Grundvoraussetzung“ für die folgenden Sagen, die allesamt in Frankfurt oder der nächsten Umgebung spielen, und den Enthusiasmus an der Sache, die er mit leichter Hand zum Leser transportiert und so selbst Interesse beim Leser zu wecken. Man kann sich als Außenstehender nur schwer vorstellen, wie intensiv der Autor in Bibliotheken, Archiven und im Internet recherchiert hat und auch aktuell recherchiert. Sagen leben per se zunächst von der mündlichen Überlieferung, bei der schon einmal etwas dazu gedichtet und dafür an anderer Stelle etwas weggelassen wird, so dass sie am Ende akzentuiert verändert weitergegeben, bevor sie irgendwann mal aufgeschrieben wird. Liegen dann also einer Sage unterschiedliche Quellen zugrunde, muss Manuel Tiranno als Künstler seines Zeitungsstrips erneut entscheiden, welche Variante den Vorzug erhält. Schließlich gilt es den vorliegenden Text als Comic umzuschreiben. Besonders schwierig und das ist ein Aspekt, der sagenhaft Unnerwegs zu lesen, so spannend macht, ist das Herausarbeiten des Lay Outs und der Paneleinteilung unter den Formatvorgaben der F.A.Z. Ursprünglich hatte der Künstler die Auflage, eine Sage innerhalb von 2 Wochen abgeschlossen zu haben. Mittlerweile dürfen es 4 Wochen sein, was ihm die Gelegenheit gibt, auch komplexere Erzählungen für seinen Zeitungsstrip zu adaptieren.

Ein Strip von 2010

 Nicht zu unterschätzen sind natürlich auch die technischen Schwierigkeiten, die einem kolorierten Zeitungsstrip naturgemäß unterliegen. Das qualitativ minderwertige Zeitungspapier nimmt einfach nicht so viel Farbe an, so dass Manuel Tirrano gezwungen ist, abgedämpfte Farben einzusetzen. Aus der Not kann eine Tugend werden. Die gewählte Art der Kolorierung erweckt den Eindruck, dass sich der Leser auf eine Reise in längst vergangene Zeiten befindet. 

Erzähltechnisch greift Manuel Tiranno auf einen interessanten Kniff zurück. Ein Großvater und seine Enkelin unternehmen einen Rundgang durch Frankfurt. Wenn sie dabei an eine Stelle gelangen, an der es etwas zu erzählen gibt, bleiben sie stehen. Neben der paritätischen Besetzung von Großvater und Enkelin verfügt Sagenhaft Unnerwegs so über Gastgeber und Charaktere mit einem Wiedererkennungswert, was gerade für einen Comic Grundvoraussetzung ist. So treten die „Gastgeber“, die darüber hinaus das verbindende Element zwischen Gegenwart und Vergangenheit, also zwischen Wahrheit und Dichtung, verkörpern, jeweils am Anfang und am Ende einer Story auf.

Den Rundgang, den Großvater und Enkelin unternehmen, kann man als Leser auch tatsächlich nachvollziehen. Die Ecken und Stellen, die Manuel Tiranno ins Auge gefasst und folglich aufs Papier gebracht hat, sind leicht wiederzuerkennen. Das zeigt, dass er über ein hervorragendes Auge für Architektur und Perspektive verfügen muss. In einer Stadt mit einem Stadtbild (als Beispiele seien hier die Umgestaltung des Westhafens und der Abriss des Frankfurter Rundschau Gebäudes mit Neubau des Zeil Palais genannt), das sich schnell verändert ist dies ein nicht zu unterschätzender Aspekt, dessen historische Bedeutung erst mittel- und langfristig erkennbar sein wird. 

  Die Sagen selbst spiegeln die komplette Palette einer rund zwölfhundertjährigen Stadtgeschichte wieder. Sie sind mal heiter, mal ernst, mal mit moralischer Keule und auch schon mal grausam oder gar martialisch wiedergegeben. Auch historische Figuren, Helden, Schurken und gar Fabelwesen begegnen sich in diesen Sagen. Eben diese Palette spiegelt wieder, was die Bevölkerung historisch beschäftigt hat, so dass es zu diesen Sagen gekommen ist. Natürlich darf in einem Bundesland wie Hessen der Wald als natürliche Umgebung nicht fehlen, obwohl oder auch gerade weil er beim Rundgang von Großvater und Enkelin an diesen Stellen nicht mehr oder nicht mehr in diesen Ausmaßen vorhanden ist. Hierzu führe ich die Sage „Karl und die alten Götter“ an.

Eine klassische Sage, die auch viel über das Selbstverständnis Frankfurts im historischen Zusammenhang aussagt, ist dagegen „Die erste Königskrönung“.

Persönlich hat mir natürlich die Sage „Die Neun in der Fahne“ am besten gefallen, weil sie am Eschenheimer Turm spielt, an dessen Fuß  das Terminal Entertainment beheimatetet ist.

Sagenhaft Unnerwegs gehört für mich in jede Frankfurter Schulbibliothek. Selbst bin ich kein Frankfurter und werde auch keiner mehr, obwohl ich nun schon seit 15 Jahren in dieser Stadt arbeite. Dennoch hat jeder, auch über den lokalen Charakter von Sagenhaft Unnerwegs hinaus, Spaß an dem was und wie Manuel Tiranno erzählt.

Tiranno mal anders - ein Zombie-Pfarrer

 

Sagenhaft  Unnerwegs, Societäts Verlag, HC, 120 Seiten, € 14,80

(c) aller Abbildungen bei Manuel Tiranno und dem Societätsverlag

http://www.manuel-tiranno.com/

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